Mehr Strassen bringen nicht mehr Arbeitsplätze
Die Autobahn bringt dem oberen Reusstal mehr Umweltbelastung und
Bodenverlust, aber die Hoffnung auf Wirtschaftswachstum hat sich
nicht erfüllt. Die Ökonomin Pia Steiner zeigt am Beispiel
zweier Urner Regionen, dass eine gute Verkehrserschliessung weder
Abwanderung noch Arbeitsplatzabbau aufhält. Während das
obere Reusstal unter der Nähe der Autobahn eher leidet, hält
sich das Schächental wirtschaftlich relativ gut auch
ohne Autobahnanschluss.
Die Strassenbauer verbreiten bei jedem Projekt die alte Mär:
«Neue Strassen bringen Wirtschaftswachstum». Diese Behauptung
ist bei allen Autobahnbauten der letzten Jahrzehnte aufgekommen
und hat sich meist als falsch erwiesen. Die Alpen-Initiative hat
die Wirtschaftswissenschafterin Pia Steiner beauftragt, die Methodik
einer internationalen Studie auf die Urner Verhältnisse zu
übertragen und zu untersuchen, ob die Erkenntnisse auch in
kleinen Räumen stimmen: Wie entwickeln sich Randregionen mit
und ohne Autobahnanschluss?
Steiner verglich die Entwicklung im oberen Reusstal mit jener im
Schächental: das eine mit, das andere ohne Autobahnanschluss
und beide mit einer guten halben Stunde Busfahrzeit zum Hauptort.
Per Auto erreicht man Altdorf vom oberen Reusstal aus in 20 bis
25 Minuten, vom Schächental aus in 11 bis 16 Minuten.
Durch die Autobahn zerschnitten
Das obere Reusstal mit den Gemeinden Göschenen, Wassen und
Gurtnellen kann sich über Autobahnnähe nicht beklagen,
ganz im Gegenteil. Doch das erhoffte Wirtschaftswachstum ist ausgeblieben.
Zwar leidet das Tal unter Lärm und Luftbelastung, doch trotz
bester Verkehrslage zwei Autobahnanschlüsse, SBB und
Furka-Oberalp-Bahn, Passstrassen haben die Arbeitsplätze
zwischen 1991 und 1998 in allen Sektoren um rund einen Fünftel
abgenommen. Kein Wunder, dass vor allem die Jungen die Dörfer
verlassen und die Bevölkerung zwischen 1990 und 2000 um 13.8
Prozent gesunken ist. Für die regional ausgerichtete Wirtschaft,
so folgert die Autorin, ist die Lage an der Autobahn nicht von entscheidender
Bedeutung, und die Nationalstrasse rettet sie auch nicht aus der
Krise. Der Verkehr auf der A2 hat sich innerhalb von zwanzig Jahren
gut verdoppelt. Die Autobahn hat hier also die wirtschaftliche Zukunft
nicht gesichert, sondern eher verbaut.
Bescheidenes Wachstum möglich
Ganz anders im hinteren Schächental, das bloss durch die Klausenpassstrasse
mit Altdorf verbunden und im Winter eine Sackgasse ist. Spiringen
und Unterschächen gelten Leuten aus dem Unterland als «der
hinterste Krachen». Wer will denn schon so abgelegen wohnen?
Erstaunlich viele! Das Schächental weist keinen grossen Boom
vor, aber eine stabile Entwicklung. Die Gemeinden konnten den Bevölkerungsschwund
stoppen. Zwischen 1990 und 2000 nahm die Bevölkerung gar leicht
zu. Familien schätzen die gute Lebensqualität und bleiben
oder lassen sich hier nieder.
Erfreulich: Die Geburten kompensieren die Abwanderung! Die Zahl
der Arbeitsplätze hat in der Landwirtschaft (-5.4%) und im
Dienstleistungssektor (-8%) ebenfalls abgenommen, legte in Gewerbe
und Industrie aber leicht zu (+3.4%). Das Tal liegt mit rund 10
Kilometer Entfernung nahe genug am Kantonshauptort, um ein Pendeln
an den Arbeitsplatz im Zentrum zu ermöglichen, und weit genug
ab von den grossen Verkehrsströmen, um ihren Belastungen zu
entgehen.
Obwohl das Schächental vor allem im Bereich Güterverkehr
sehr schlecht bedient ist, nicht an der Autobahn liegt, weniger
Bus- und gar keine Bahnverbindungen hat, hält es sich wirtschaftlich
besser als die Region Göschenen.
Strassen fördern sogar Abwanderung
«Strassen führen immer in zwei Richtungen, erklärt
Pia Steiner, «gerade schwach entwickelte Regionen laufen Gefahr,
dass Arbeitskräfte abwandern, statt dass sich wie erhofft neue
Firmen ansiedeln.» Sie kommt zum Schluss, dass die Nähe
zu einem regionalen Zentrum wenn schon wichtiger ist als der Ausbau
der Verkehrswege. Und sie weist nach, dass gut ausgebildete ARbeitskräfte,
Attraktivität als Wohngebiet, verfügbares Bauland oder
das Steuerniveau ebenso wichtig und öfters bedetusamer sind
als di eAutobahnanbindung. Die Länge des Trasnportweges als
Kostenfaktor für Firmen wird in aller Regel massiv überschätzt.
Quelle: echo - Magazin des Vereines "Zum Schutz ds Alpengebiets vor dem Transitverkehr"