Heimatverein Waldidylle e.V. 05.12.2002
Erik Warschau
Am Hang 55
01773 Altenberg, OT Waldidylle
Sächsisches Staatsministerium für
Wirtschaft und Arbeit
Wirtschaftsminister Martin Gillo
Wilhelm - Buck - Str. 2
01095 Dresden
Protestnote des Heimatvereins Waldidylle e.V. zum geplanten Neubau des Teilstücks der B170 zwischen Dippoldiswalde und Waldidylle
Sehr geehrter Herr Gillo,
Im Namen des Heimatvereins Waldidylle e.V. protestieren wir hiermit
entschieden gegen einen Neubau der B170 auf dem Höhenzug zwischen
Dippoldiswalde und Waldidylle.
Wie hier von Seiten des Landkreises in Zusammenarbeit mit der sächsischen
Landesregierung ein Straßenneubau forciert und das übliche
Planverfahren und somit geltendes Recht außer Kraft gesetzt
wird und dies alles noch unter dem Deckmantel des Jahrhunderthochwassers
geschieht, empört uns zutiefst.
Wir werden dem unseren ganzen Widerstand entgegensetzen.
Folgende Aspekte bestärken uns in dieser Haltung:
Es entstehen mit einem Neubau 3 Transitstrecken durch ein flächenmäßig
kleines Gebiet, welches topografisch für ein Verkehrsaufkommen
in dem von Ihnen prognostizierten Umfang nicht geeignet ist.
Gerechtfertigt wird dieses Vorgehen mit der geplanten Osterweiterung
der EU und einer Zunahme des Schwerlastverkehrs auf der Achse Skandinavien
- Balkan in den kommenden Jahren.
Dieser Transitverkehr bringt für unsere Region unerträgliche
Belastungen, unsere ohnehin schwierige wirtschaftliche Situation
wird dadurch erschwert, dass Touristen sich aus den mit Lärm
und Abgasen belasteten Gebieten zurückziehen. Auch werden Wander-
und Skigebiete durchtrennt und flächenmäßig reduziert.
Auf eine solche Wirtschaftshilfe seitens unserer Politiker würden
wir gern verzichten.
Dem steigenden Schwerlastverkehr mit immer neuen Straßen zu
begegnen, betrachten wir als Politik von vorgestern. Immer mehr
Straßen bedeuten immer auch eine Zunahme des Verkehrs. Sie
als sächsischer Wirtschaftsminister sollten auch die Bürger
Ihres Bundeslandes vertreten. Es ist nicht einzusehen, dass Sie
unter dem Druck der internationalen Spediteur- und Automobillobby
unserer Region einen reinen Transitstatus zusprechen. Damit wird
weder die regionale Wirtschaft gestärkt noch unser Haupterwerbszweig,
der Tourismus gefördert. Wir sind sicher, dass das der Landesregierung
und unseren Kommunalpolitikern bekannt ist.
Die Geschehnisse der letzten Woche haben uns gezeigt, dass die Demokratie dazu da ist, ausgehebelt zu werden, wenn sie den wirtschaftlichen Interessen verschiedenster Interessengruppen im Wege steht. Durch eine Verschleierungstaktik, wie sie auch jetzt bei den Vorbereitungsarbeiten zur Trassenvermessung praktiziert wurde, werden wir als unmündige Bürger eingestuft. Das empfinden wir als eine Beleidigung derer, die Sie erst in den Stand versetzt haben, Regierungsverantwortung auszuüben und die die Steuergelder aufbringen müssen, die Sie hier großzügig verschwenden.
Natürlich wissen wir um die Belastungen der Menschen, die
unmittelbar an der alten B170 leben.
Schon mit dem Bau der Autobahn nach Prag wurde ihnen versprochen,
dass danach eine deutliche Reduktion des Schwerlastverkehrs eintreten
würde. Somit wurde der Baubeginn der A17 von vielen Einwohnern
des Weißeritzkreises begrüßt.
Im Bauverlauf mussten wir allerdings feststellen, dass schon vorher
den verantwortlichen Politikern bekannt war, dass die Autobahn keine
wesentliche Entlastung der B170 bringt.
Eine Einstellung der rollenden Landstraße, die geplante Abfertigungspraxis
am Zollhof Altenberg und der ungebremste Gütertransport auf
der Straße tragen dazu bei.
Auch hier wurden wir wissentlich betrogen, um die Widerstände
gegen einen Autobahnbau klein zu halten.
Von Politikern mit Weitsicht und Mut hätten wir erwartet, dass
sie sich spätestens zu diesem Zeitpunkt gegen einen steigenden
Transitverkehr gewandt und die Verlagerung des Transports auf die
Schiene sowie die Produktion und Vermarktung von Gütern innerhalb
einer Region gefördert hätten sowie dem Prinzip der Lagerhaltung
auf der Straße entgegengetreten wären. Nichts von dem
ist bisher geschehen. Kleinmütig wählen Sie den Weg des
geringsten Widerstands und planen eine neue Verkehrstrasse durch
unser ohnehin schon geschundenes Gebirge.
Die Argumente, mit denen der Neubau der B170 gerechtfertigt wird,
beinhalten auch die Erreichbarkeit des oberen Kreisgebiets im Katastrophenfall.
Altenberg und Umgebung waren schon nach kürzester Zeit über
die alte Hochwaldstraße wieder erreichbar. Diese wurde neu
befestigt und würde im erneuten Hochwasserfall sofort für
den Verkehr zur Verfügung stehen.
Einen uneingeschränkten Transitverkehr auch in Hochwasserzeiten
sehen wir als zusätzliche Verhöhnung der betroffenen Einwohner
an.
Was uns sehr erstaunt ist die Grundaussage Ihres Interviews vom
29.12. d. J. Hier ist fast ausschließlich davon die Rede,
den im Zuge der Osterweiterung der EU ansteigenden Transitverkehr
über die neue B170 zu leiten und damit die Einwohner des Weißeritztales
zu entlasten und somit auch den drohenden Straßenblockaden
zu entgehen. Es erstaunt uns deshalb, weil von unseren Kommunalpolitikern
die Hochwasserkatastrophe als zwingender Grund für einen Straßenneubau
angeführt wird, was auch das verkürzte Planungsverfahren
und die abweichende Finanzierung aus dem Hochwasserprogramm erklären
soll.
Wir sind sicher, dass hier nur eine günstige Gelegenheit ergriffen
wird, trotz fehlender Gelder eine Trassenneubau zu planen und durchzuführen,
der eine aus Finanzierungsnot verzögerte Fertigstellung der
A17 von Pirna nach Prag auch auf längere Zeit entbehrlich machen
könnte.
Auch hier wird gar nicht erst der Versuch unternommen, mit allen
Beteiligten zu reden. Wir hören nur ständig von den verantwortlichen
Stellen Teilwahrheiten, unkonkrete Statements oder es erreicht uns
eisiges Schweigen.
Bis zum heutigen Tag ist kein Transitverkehr durch unser Kreisgebiet möglich. Das führte zu einer 80%en Auslastung der RoLa. Es gibt also durchaus die Möglichkeit, Güterverkehr zu verlagern. Auch hierfür könnten Mittel aus dem Bundesverkehrswegeplan beantragt werden. Das und die strikte Beschränkung des Transitverkehrs auf die Autobahn mit der dazugehörigen Abfertigung würde den Schwerlastverkehr durch den Weißeritzkreis drastisch reduzieren und spricht gegen die Notwendigkeit eines Trassenneubaus.
Dass mit unlauteren Mitteln gekämpft wird, beweisen auch die
Finanzierungsmodalitäten. Ein Kostenumfang von 25 Millionen
Euro ist für ein solches Bauvorhaben utopisch. Die Strecke
berührt Naturschutz- und Waldgebiete, Ausgleichsmaßnahmen
sind notwendig. Außerdem führt sie durchaus nicht durch
unbewohntes Terrain, hier müssten Lärmschutzmaßnahmen
finanziert werden. Im oberen Kreisgebiet befinden sich im avisierten
Gelände zahlreiche Schachtanlagen des Erzbergbaus, was wiederum
die Baukosten in die Höhe treibt. Nicht zu vergessen die Grundstückserwerbs-
und Entschädigungskosten. Wir haben den Eindruck, dass mit
dem so genannten Schnäppchen die breite Zustimmung der Anwohner
erheischt werden soll, um dann in aller Stille mit eigentlich nicht
vorhandenen Geldern nachzubessern.
Besonders pikant ist, dass die erforderlichen Finanzen aus dem Hochwasserhilfsprogramm
der Bundesregierung kommen sollen. Das bedeutet, dass die Vernichtung
von Wald- und Ackerland, die Zerstörung von Retentionsflächen
sowie eine umfangreiche Bodenversiegelung in den Höhenlagen
des Osterzgebirges mit Geldern finanziert werden, die dem Hochwasserschutz
gewidmet sind. Diesen Umstand betrachten wir als betrügerischen
Umgang mit Steuergeldern. Verschwendung bedeutet auch, dass die
alte Trassenführung zurzeit wieder transitfähig ausgebaut
wird, um sie dann nach den vorliegenden Plänen Ende 2004 für
den Transitverkehr zu sperren und zur Gemeindeverbindungsstraße
zurückzubauen. Außerdem sind wir sicher, dass dieser
Umbau nur sehr zögerlich vonstatten geht. Es fehlen außerdem
Konzepte, wie eine Lenkung der Verkehrsströme erfolgen soll,
so dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass auf allen 3 Strecken
Transitverkehr stattfinden soll.
Besonders enttäuscht sind wir von unserem Landrat und den
Kreisräten. In aller Heimlichkeit wurde ein Beschluss gefasst,
der unserem Osterzgebirge einen Teil seines Landschaftscharakters
nimmt und den vorhandenen Naturraum erheblich reduziert. Sie als
Politiker haben nicht nur Verantwortung für eine Legislaturperiode,
gerade Sie sollten die Fähigkeit und das Verantwortungsgefühl
haben, für unsere Kinder und Enkel eine lebenswerte Umwelt
zu erhalten.
Aus Angst vor Anwohnerprotesten der alten B170, die durch das Hochwasser
vom 12. August erst einmal verstummten, suchen unsere Kommunalpolitiker
nach Mitteln und Wegen, die Bevölkerung still zu halten. Da
muss nun ein Projekt aus dem Jahr 1940
herhalten. Wir können uns nicht erinnern, dass diese Zeit sich
durch besondere Fortschrittlichkeit auszeichnete.
Anstatt darauf bedacht zu sein, die Umweltbelastungen für den
gesamten Weißeritzkreis zu reduzieren, verlagert man diese
vom Tal auf die Höhe und hofft auf ein paar Jahre Ruhe, bis
die Einwohner merken, dass sie erneut betrogen wurden. Denn die
Lebensqualität in unserer Region wird sich durch die neue B170
langfristig verschlechtern.
Aus diesen Überlegungen heraus fordern wir von Ihnen, geltendes
Recht einzuhalten und Planfeststellungsverfahren und Umweltverträglichkeitsprüfungen
gerade bei diesem Projekt nicht wegzulassen. Es besteht in unserem
Kreisgebiet keine Ausnahmesituation, die ein vereinfachtes Planungsverfahren
rechtfertigen würde.
Weiterhin betonen wir mit Nachdruck die Notwendigkeit einer Reduzierung
und Verlagerung des Schwerlastverkehrs auf die Schiene.
Ein Straßenneubau im Kreisgebiet ist überflüssig
und gefährlich, denn eine solche Maßnahme erhöht
nur das Verkehrsaufkommen.
Die Lösung des Problems liegt ausschließlich in einer
Verringerung des Schwerlastaufkommens, ein Hin- und Herschieben
der Verkehrsströme innerhalb der Region, im gesamten Bundesgebiet
und in Europa wird auf lange Sicht unsere Lebensräume zerstören.
Dafür haben wir Sie nicht gewählt. Wir fordern Sie deshalb
auf, alte Wege zu verlassen und in Ihrer Politik Wirtschaftlichkeit
und Umweltschutz zu vereinen und im Interesse der sächsischen
Bürger zu wirken.
Heimatverein Waldidylle e.V.